Einführung – Wie das Projekt entstand...
Eine Beziehung mit einem behinderten Partner funktioniert nicht anders als mit einem nichtbehinderten Partner. Doch aus Unwissenheit können sich viele so etwas nicht vorstellen.
Das Thema Liebe und Behinderung ist noch immer für viele Menschen ein Tabu. Und während die einen glauben, Behinderung schließe von vornherein jede Möglichkeit auf Beziehung aus, meinen andere, sie könnten durch Zurschaustellen bestimmter sexueller Vorlieben das allgemeine Verständnis für die Bedürfnisse behinderter Menschen verbessern. Ein anderes Extrem sind Beziehungen, die überhaupt nur wegen der als attraktiv empfundenen Behinderung zustande kommen. Im Gegensatz dazu ging das Projekt "Zweisames" von Oktober 2003 bis Ende 2007 einen ganz anderen Weg.
Zusammen mit ihrem Mann Thomas Reis wollte die Bonner Journalistin Annette Schwindt, zu Beginn "nur mal sehen, wie viele andere 'gemischte' Paare es noch gibt". Die Resonanz auf ein Dokumentationsprojekt über Paare mit einem behinderten und einem nichtbehinderten Partner war überwältigend. Es meldeten sich Menschen aus ganz Deutschland, aus verschiedenen Generationen und mit ganz verschiedenen Behinderungen und Lebenserfahrungen. Die Website www.2sames.de verzeichnete in kürzester Zeit über 3000 Besuche pro Monat. Damit hatte keiner gerechnet. Doch dank tatkräftiger Helfer aus den Reihen der Teilnehmer wurde der Ansturm bald bewältigt.
Nach dem ersten Hype ließen auch die Kritiker nicht lange auf sich warten. "Wir wurden immer wieder gefragt, warum bei den Geschichten nicht explizit dabei steht, wer welche Behinderung hat", berichten Annette und Thomas. Manche Paare nennen die Behinderung des Partners in ihrer Geschichte, manche zeigen sie auf ihrem Foto. Aber wer nicht will, muss nicht. Ins Verzeichnis der Paare wird schließlich ohnehin aufgenommen, welche Behinderungsarten im Projekt vertreten sind.
Jeder Mensch hat das Recht, geliebt zu werden
"Es geht ja nicht um die Behinderung im Speziellen, sondern um die Liebe zwischen zwei Menschen", erklären die beiden Initiatoren. Wie jeder einzelne mit behinderungsspezifischen Problemen umgeht, ist dabei nicht relevant für die Dokumentation der Geschichten. "Wir waren ja keine Selbsthilfegruppe. Wir wollten zeigen, dass es solche Beziehungen gibt. Wie sie funktionieren, dafür gibt es kein Patentrezept." Gezeigt werden sollte: Jeder Mensch hat das Recht geliebt zu werden, egal ob er eine Behinderung hat oder nicht.
Welche Behinderung das dann ist, steht auf einem anderen Blatt. Dennoch behaupteten manche, dass es je nach Art der Behinderung für die einen leichter sei, eine Beziehung zu finden, als für andere. Demnach sei es angeblich für einen halbwegs mobilen Querschnittgelähmten leichter, eine Frau zu finden, als etwa für einen voll pflegebedürftigen Muskelkranken oder Spastiker. Auch wenn "2sames" dokumentiert, dass es nicht unbedingt auf den Grad der körperlichen Einschränkung ankommt, sondern darauf, wie beide Partner mit sich und miteinander umgehen. Auch für die viel zitierte Statistik, behinderte Frauen seien generell benachteiligt, finden sich bei "2sames" Gegenbeispiele.
Sich selbst akzeptieren
"Jemand der sich selbst als abstoßend empfindet und immer nur negativ drauf ist, wird nun mal nicht als attraktiv empfunden. Das gilt aber sowohl für Menschen mit als auch ohne Behinderung", argumentiert Thomas. Wie er haben viele Teilnehmer von "2sames" die Erfahrung gemacht, dass durch Offenheit und Selbstbewusstsein viele Berührungsängste gar nicht erst aufkommen. Mit Selbstbewusstsein ist dabei jedoch nicht trotziges Einfordern von Respekt gemeint. Es geht vielmehr darum, sich selbst mit seinen Grenzen anzunehmen, dem Leben aktiv zu begegnen und auch mal über sich lachen zu können.
Nun haben viele Menschen mit Behinderung nie etwas anderes als Mitleid und Sorge erlebt und somit nie gelernt, anders mit ihren Einschränkungen umzugehen. "Wir können und wollen keine Lebensberatung geben", betont Annette. "Dennoch bekamen wir immer wieder Mails, in denen von Einsamkeit und Resignation die Rede war."
Handeln muss letztendlich jeder selbst. "2sames" kann keine "Anleitung zum Glücklichsein" liefern. "Alles, was wir wollteen, war festzuhalten, dass es solche Beziehungen wie unsere gibt. Damit ermöglichen wir anderen, die sonst vielleicht keinen Zugang zu diesem Thema hätten, sich damit auseinanderzusetzen und im Idealfall Berührungsängste abzubauen." Seines Glückes Schmied kann aber am Ende jeder nur selbst sein.
Auch bei den dokumentierten Paaren ging es nicht immer rosa zu. Es haben sich auch einige Paare wieder getrennt und wollten dann verständlicherweise nicht mehr zusammen in der Dokumentation zu sehen sein.
Die Dokumentation ist inzwischen beendet.
Ausgewählte Aufsätze zum Thema Behinderung vom Statistischen Bundesamt